Familie Emmler – Kunstblumen, Architektur und Möbel

Heinrich Emmler: Geschäftsmann durch und durch

Vermutlich ist Heinrich Emmler bereits mit Rosalie (genannt Rosine) Blairon verheiratet, als er 1872 in die neu gebaute Centralstraße in die Mitte Berlins zieht und dort mit Julius Israel die „Emmler & Israel Blumenblätter-Fabrik (Berlin, London, Paris)“ gründet [1].

Kaufmann ist er, und bezieht wie sein Kompagnon eine Wohnung in der 1872 zwischen Spittelmarkt und Kommandantenstraße neu angelegten Centralstraße, Hausnummer 3; die gemeinsame Kunstblumenfabrik befindet sich in der Hausnummer 5 im Hochparterre.

Die Centralstraße wird am 1.12.1872 in Beuthstraße umbenannt – den Namen „Centralstraße“ fanden die zuständigen Behörden nicht passend. [2]

1874 zieht Julius Israel in die Ritterstraße und Heinrich Emmler in die Invalidenstraße, die Fabrik bleibt weiterhin in der Beuthstraße 5.
Neben Blumenblättern produzieren Emmler & Israel fortan auch Brieftaschen, Aktenmappen und ledergebundene Alben.

Die Fabrikation von Kunstblumen blickt in Berlin auf eine etwa hundertjährige Geschichte zurück; bereits 1834 heißt es im Neuesten Conversations-Handbuch für Berlin und Potsdam:

„Die meisten dieser Kunstwerkstätten gehören eigentlich zu den Erscheinungen der neueren Zeit, obgleich schon im Jahre 1770 der Kaufmann de Rieny eine italienische Blumenmanufaktur errichtete, welche in den achtziger Jahren an den Kaufmann Martin Friedel an der Gertraudten-Brücke überging. Diese Fabrik beschäftigte damals 140 Frauenzimmer. Die Blumen, Bouquets, ja selbst Pflanzen und Gewächse, wurden mittelst der Häute der Cocons oder Seideneier nachgeahmt, und man verbrauchte jährlich 8- bis 900 Pfund gute weiße Cocons, 300 Pfund gelbe und eben so viel durchgefressene. (…)
Von den in der Gegenwart vorhandenen Blumenfabriken hatten wir Gelegenheit, die der Herren Kramer und Tallacker, Brüderstraße Nr. 12, in Augenschein zu nehmen. (…) Früher führten diese Herren nur französische Blumen, seit zwei Jahren aber haben sie diesen Artikel ganz besonders berücksichtigt, und sie fabricieren jetzt selbst alle Arten künstlicher Blumen, eben so vollkommen, aber viel billiger als die Franzosen, daher fast ganz Norddeutschland von ihnen damit versehen wird. Wenn man diese Fabrikate (…) in Augenschein zu nehmen Gelegenheit hat, so überzeugt man sich sehr bald, daß Berlin binnen Kurzem für ganz Deutschland der Hauptsitz dieses Zweiges der Industrie sein wird. Die sämmtlichen größeren und kleineren Blumen-Fabriken, deren das kaufmännische Adreßbuch für Berlin im Jahre 1830 sechszehn aufführte, beschäftigen über 300 Frauenzimmer, und dennoch fehlt es noch oft an einer zureichenden Anzahl guter Arbeiterinnen.“ [3]

Billige Arbeitskräfte findet man mittlerweile in der zwischen 1868 und 1879 neu errichteten Strafanstalt am Plötzensee, wohin die beiden um 1876 zumindest teilweise ihre Produktion verlegen.

Ab 1877 führen Julius Israel und Heinrich Emmler die verschiedenen Geschäftszweige getrennt weiter: Israel führt die Album- und Lederwarenfabrik, während Emmler fortan als „Fabrikant künstlicher Blumenblätter“ firmiert.

Damenhüte, mit den Erzeugnissen einer Blumenmanufaktur dekoriert, um 1790

Damenhüte, mit den Erzeugnissen einer Blumenmanufaktur dekoriert, um 1790 (4)

Zumindest Julius Israel nutzt – wie auch sein Nachfolger Isidor Israel – weiterhin die Arbeitskraft der Häftlinge in der Strafanstalt Plötzensee zur Herstellung seiner Produkte.

Aber auch Heinrich Emmler, der von 1878 bis 1882 sein Geschäft von seiner Wohnung in der Invalidenstraße 105 geführt hat und seit 1883 wieder seine Wohnung und seinen Firmensitz in der Beuthstraße hat, nutzt diese kostengünstige Produktionsstätte: „H. Emmler Fbrk. künstlicher Blumen u. Blätter, Spezial.: Blattpflanzen u. Jardinièren, Fabrik ‚auf Strafanstalt am Plötzensee‘, Kontor u. Lager Beuthstr. 6“ heißt es im Berliner Adressbuch von 1889.

Die Geschäfte scheinen gut zu gehen, denn zwischen 1888 und 1895 kauft Emmler die Wohn- und Geschäftshäuser Friedrichstraße 127 (nahe dem Oranienburger Tor), Eichendorffstraße 21 und 22, Kottbusser Damm 32, Ansbacher Straße 14 sowie  Kleine Poststraße 2.
Das Haus Eichendorffstraße 21 verkauft er 1894, um das Gebäude Kottbusser Damm 32 erwerben zu können.

1896 verkauft er seine Kunstblumenfabrik an Emil Feist und Julius Jacobi und setzt sich zur Ruhe. Er zieht mit seiner Familie in den vornehmen Berliner Westen, in eine Parterre-Wohnung in seinem im Vorjahr erworbenen Haus Ansbacher Straße 14.
Vom Erlös des Fabrikverkaufs und des Verkaufs des Hauses in der Kleinen Poststraße erwirbt er 1897 ein Haus in der Augsburger Straße 75-76 (später Änderung der Hausnummerierung in Nr. 55; heute Fuggerstraße).

So richtig hält Emmler das Rentnerdasein aber anscheinend nicht aus: 1899 beteiligt er sich an der Möbelfabrik von Paul Burow (Neue Schönhauser Str. 2), und 1900 übernimmt er den Reinhold Schwarz Verlag samt Verlagsbuchhandlung in der Koppenstraße 96, gleich hinter dem Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof).

In diesem Verlag erscheinen vor allem technische Bücher, etwa „Der praktische Baugewerksmeister“ von Emanuell Siebdraht (Hg.; 1876), ein „Zerlegbares Telephon-Modell neuester Konstruktion zur Selbstbelehrung sowie für den Unterricht an Technischen Schulen“ von H. Pohl (ca. 1900) oder „Die moderne Elektrizität“ von O. Multhaupt (ca. 1905).

1903 macht sich Sohn Constantin mit einem „Atelier für Architektur und Bau-Ausführung“ in der elterlichen Wohnung selbständig, zieht aber bereits im kommenden Jahr in eine Wohnung am Hansaufer.

1905 zieht Familie Emmler in die Tauentzienstraße 7 (Ecke Nürnberger Straße), denn die Häuser Ansbacher Straße 12-14 werden für den Bau des KaDeWe abgerissen.

Kaufhaus des Westens Berlin 1908

Kaufhaus des Westens, Mittelbau in der Ansbacher Straße, Berlin 1908 (5)

Der Verkauf des Hauses war sicher nicht zu Heinrich Emmlers Schaden; die Söhne Constantin und Henry unternehmen im Juni des Jahres eine Schiffsreise nach New York, jeder mit 100 Dollar Taschengeld (ein Hotelzimmer mit Bad kostet zu der Zeit etwa 3 Dollar pro Nacht, ein Steak mit Beilagen gibt es im Hotelrestaurant für einen Dollar) [6, 7].

Und noch einmal investiert Heinrich in eine neue Unternehmung: in Emmler’s Möbelfabrik, die 1906 von seinen Söhnen Gustav und Henry Emmler gegründet wird und sich am Kottbusser Damm 25-26 ansiedelt.
Er trennt sich 1906 vom Reinhold Schwarz Verlag und steht fortan vermutlich seinen Söhnen beratend zur Seite.

1909 stirbt Heinrich Emmler und hinterlässt seine Häuser seinen Söhnen Constantin (Augsburger Straße, Eichendorffstraße), Gustav und Henry (Friedrichstraße sowie die beiden Häuser am Kottbuser Damm).
Gustav und Henry wohnen mit Heinrichs Witwe Rosine nach wie vor in der Wohnung in der Tauentzienstraße 7.

Später zieht Rosalie/Rosine mit Gustav Emmler und seiner Familie zum Bayerischen Platz und schließlich nach Grunewald, wo sie vermutlich 1933 stirbt.

Constantin Emmler: Der Architekt

Constantin Emmler, geboren am 21.7.1876 [8], macht sich 1903 mit einem „Atelier für Architektur und Bau-Ausführung“ in der elterlichen Wohnung in der Ansbacher Straße 4 selbständig. Bereits ein Jahr später zieht er ans Hansaufer 2, 1905 ans Hansaufer 7 in ein Haus, das ihm gehört.

1905 unternimmt er mit seinem jüngeren Bruder Henry eine Schiffsreise nach Amerika. Am 3.6.1905 stechen sie von Bremen aus mit dem Schiff „Großer Kurfürst“ in See, am 14.6.1905 kommen sie in New York an und steigen im Hotel Bartholdi in der 23. Straße ab [6].

Green Car Sight Seeing Service New York

Elektrisch betriebener Bus für Stadtrundfahrten, New York, 1901

Ob sie wohl eine Stadtrundfahrt mit dem „Green Car Sight Seeing Service“ unternommen haben, der vom Hotel Bartholdi startete? „The Green Cars“ fuhren in elektrisch betriebenen offenen Bussen jeweils 20 Passagiere zu den Sehenswürdigkeiten New Yorks.

1906/07 verlegt er kurzfristig sein Architekturbüro vom Hansaufer in den Neubau am Kottbusser Damm 25-26, wo das Gebäude für Emmler’s Möbelfabrik entsteht – möglicherweise leitet er die Bauarbeiten; vielleicht stammen sogar die Entwürfe für das Gebäude von ihm.

Allegorie der Industrie, Figur am Haus Kottbusser Damm 25-26

Allegorie der Industrie, Figur am Haus Kottbusser Damm 25-26 (2011)

1908 erstellt er einen Entwurf für das neue Bootshaus des Berliner Ruder-Clubs (BRC) am Kleinen Wannsee; gebaut wurde 1908/1909 allerdings der Entwurf des Charlottenburger Architekten Georg Rönsch.
Die Familie ist eng mit dem BRC verbunden; Constantins Bruder Gustav Emmler wird 1949 posthum zum Ehrenmitglied ernannt [9].

Entwurf für das neue Bootshaus des Berliner Ruder-Clubs am Kleinen Wannsee

Constantin Emmlers Entwurf für das neue Bootshaus des Berliner Ruder-Clubs am Kleinen Wannsee, Berlin 1908 (Berliner Architekturwelt, Heft 8/1909) (10)

Nach dem Tod vonHeinrich Emmler im Jahre 1909 gehen die Häuser Augsburger Straße 55 und Eichendorffstraße 22 in Constantins Besitz über; 1911 erwirbt er von Gustav und Henry Emmler noch das Haus Friedrichstraße 127. Von den Mieteinnahmen seiner nunmehr vier Häuser kann er vermutlich gut leben.

1912 zieht er in sein Haus in der Augsburger Straße, und 1915 geht das Haus in der Friedrichstraße wieder in den Besitz von Gustav und Henry über.
1916 erwerben sie auch das Haus in der Augsburger Straße, und Constantin zieht zurück ans Hansaufer.
1920 erwirbt Gustav Emmler auch das Haus Eichendorffstraße 22.

Am Hansaufer 7 wohnt Constantin Emmler bis 1921; das Haus verkauft er an den Charlottenburger Kaufmann Ferdinand Mollier.

1932 und 1933 taucht er noch einmal im Berliner Adressbuch unter der Anschrift Bornimer Straße 20 (Halensee) auf, danach fehlt zunächst jede Spur von ihm.

Am 13. Februar 1939 verlässt er mit seiner Frau Frieda Deutschland von Bremen aus. Mit dem kleinen Schiff „Memel“, das Platz für acht Passagiere bietet, reisen sie zusammen mit den Berliner Familien Grünzweig und zum Sande nach Veracruz in Mexiko [8].
Dort verliert sich die Spur.

Gustav Emmler: Fabrikbesitzer und Kunstliebhaber

Gustav und Henry Emmler werden zunächst Verlagsbuchhändler und arbeiten im väterlichen Reinhold Schwarz Verlag mit Verlagsbuchhandlung in der Koppenstraße 96.

Sie wohnen in der elterlichen Wohnung, erst in der Ansbacher Straße 14, ab 1905 in der Tauentzienstraße 7.

Das Haus in der Ansbacher Straße, das dem Vater Heinrich Emmler gehört, wird verkauft, da an dieser Stelle ab 1905 das KaDeWe errichtet wird. Durch den Verkauf ist die ohnehin wohlhabende Familie (der ehemalige Kunstblumen-Fabrikant Heinrich Emmler besitzt in Berlin vier weitere Wohn- und Geschäftshäuser) zu Kapital gekommen, das sie 1906 in die neu gegründete Emmler’s Möbelfabrik investiert.

Heinrich Emmler war ja bereits 1899/1900 Teilhaber und Miteigentümer der Möbelfabrik von Paul Burow gewesen und sieht hier möglicherweise gute Zukunftsaussichten.

Durch die Maschinisierung des Tischlerhandwerks im 19. Jahrhundert waren vor allem in Preußen nach Abschaffung der Zünfte zahlreiche Möbelfabriken entstanden, die nun Möbel in größeren Stückzahlen produzieren konnten – zunächst für das gehobene Bürgertum, seit Mitte des 19. Jahrhunderts aber auch zunehmend für einen Massenmarkt [11].

So wird 1906 Emmler’s Möbelfabrik gegründet und ein unbebautes Grundstück am Kottbusser Damm 25-26 erworben.

Henry und Gustav Emmler fungieren fortan als Inhaber von Emmler’s Möbelfabrik und Eigentümer des Grundstücks am Kottbusser Damm, wo sich kurzfristig auch die Geschäftsadressen von Architekt Constantin Emmler und dem väterlichen Reinhold Schwarz Verlag befinden.

Auf dem Grundstück Kottbusser Damm 25-26 entsteht 1906 ein vierstöckiges Geschäftshaus mit zwei Höfen. Hier befinden sich auf etwa 5.000 Quadratmetern die Möbelproduktion sowie Lager- und Verkaufsräume von Emmler’s Möbelfabrik. 1909 inseriert die Firma die „Ständige Ausstellung von 150 Musterzimmern“ und wirbt mit einer eigenen Tapezier- und Tischlerwerkstatt.

Berlin Kottbusser Damm 25-26

Kottbusser Damm 25-26, Berlin-Kreuzberg (2011)

Nach dem Tod Heinrich Emmlers im Jahre 1909 erben Gustav und Henry die Häuser Friedrichstraße 127  und Kottbuser Damm 32, so dass sie jetzt drei Häuser gemeinsam besitzen.
Sie wohnen nach wie vor mit ihrer Mutter Rosalie, genannt Rosine (geb. Blairon), in der Tauentzienstraße 7.

1910/11 eröffnet Emmler’s Möbelfabrik eine Filiale am Spittelmarkt in der Leipziger Straße 62-63 (Ecke Beuthstraße) [Lage siehe 12].

Anzeige Emmler's Möbelfabrik 1914

Anzeige für Emmler’s Möbelfabrik 1914

Die Leipziger Straße und der belebte Platz waren zu dieser Zeit eine beliebte Einkaufsstraße. Nebenan, in der Leipziger Straße 60-61, befindet sich Aschingers „3te Conditorei“, gegenüber seit 1892 das erste Warenhaus von Adolf Jandorf, der zu dieser Zeit sechs Warenhäuser in Berlin besitzt, darunter seit 1906 eines am Kottbusser Damm 1.
Jandorf gehörte zu den zehn größten Warenhausunternehmern Deutschlands und verkaufte 1926/1927 alle Warenhäuser an Hermann Tietz („Hertie“). Die Firmengruppe „Hermann Tietz“ wurde dadurch zum größten Warenhauskonzern Europas [13].

Ansichtskarte Berlin, Spittelmarkt mit Leipziger Straße, vor 1910

Emmler’s Möbelfabrik zieht in das zweite Haus von links (Ecke Beuthstraße). Das andere Eckhaus beherbergt „Aschinger’s“, im Haus vorne rechts befindet sich das Warenhaus Jandorf. (Die Aufnahme entstand vor 1910)

Am Spittelmarkt endete außerdem seit 1908 die neu gebaute U-Bahnlinie vom Potsdamer Platz; ab März 1910 wurde die Strecke in Richtung Alexanderplatz weitergebaut [14].

1911/12 verkaufen Gustav und Henry ihr Haus in der Friedrichstraße an Constantin. Vielleicht brauchten Sie Kapital, nachdem sie die Filiale am Spittelmarkt eröffnet hatten. Möglicherweise haben sie es ihm aber auch aus steuerlichen Gründen überschrieben, denn bereits 1916 (nach der Schließung der Filiale am Spittelmarkt) sind Gustav und Henry wieder als Besitzer aufgeführt.

1913/14 gibt die Familie Emmler die Wohnung in der Tauentzienstraße 7 auf. Gustav zieht mit seiner Familie und Mutter Rosine zum Bayerischen Platz 11 in das neu errichtete Bayerische Viertel, das sich zu einer bevorzugten Wohngegend wohlhabender Berliner entwickelt.
Henry zieht gegenüber auf der anderen Seite der Grunewaldstraße in die Innsbrucker Straße 1; die Familie bleibt also zusammen.

Die Filiale in der Leipziger Straße besteht nur bis 1915; im 1. Weltkrieg geht die Nachfrage nach Möbeln deutlich zurück.

1927 schließt Emmler’s Möbelfabrik ganz; ein Jahr später wird das Fabrikgebäude am Kottbusser Damm 25-26 verkauft.

Gustavs Familie zieht 1931 mit Rosine nach Grunewald in die Hubertusallee, wo sie vermutlich 1933 stirbt.

Gustav scheint zunächst gut von dem Erlös aus dem Fabrikverkauf und den Mieteinnahmen der Häuser Friedrichstraße 127 und Kottbusser Damm 32 zu leben, denn er tritt nicht mehr mit weiteren Unternehmungen in Erscheinung.

Allegorische Figur am Haus Kottbusser Damm 25-26

Allegorische Figur am Haus Kottbusser Damm 25-26 (2011)

Er ist ein kunstsinniger Mensch, trennt sich aber ab 1936 von Teilen seiner Sammlung. So schenkt er im Juli 1936 dem Botanischen Museum ein  wertvolles altes Herbarium in einem eigens angefertigten Eichenschrank:

„Herr Gustav Emmler, Berlin-Grunewald, schenkte dem Museum ein altes Herbarium in 22 großen Bänden nebst dem reich künstlerisch ausgeführten Gestell; die Herkunft dieses Herbars, das nach Anlage und Nomenklatur vom Anfang des 18. Jahrhunderts stammt, hat sich bisher nicht feststellen lassen.“ [15]

Von Juni 1936 bis November 1938 lässt er zahlreiche Kunstgegenstände im Auktionshaus Alfred Berkhan versteigern; im Februar 1940 im Auktionshaus Gerhard Harms [16].

Handelt er aus Geldmangel? Oder befürchtet er eine Enteignung?

Fakt ist, dass sich Gustav innerhalb weniger Jahre von Kunstschätzen trennt – zu einem Zeitpunkt, wo der Kunstmarkt Deutschlands wegen der nationalsozialistischen Rasse- und Kulturpolitik von Kunstwerken geradezu „überschwemmt“ wird. Sein Wohnsitz in Grunewald – zunächst in der Hubertusallee, ab 1937 in der Delbrückstraße 10 – weist wiederum nicht auf eine wirtschaftliche Notlage hin; auch ist er bis mindestens 1943 Eigentümer der Häuser Friedrichstraße 127 und  Kottbusser Damm 32.

Bereitet er die Emigration seiner Familie vor?

Höchstwahrscheinlich sind die Berliner Johanna Emmler, 58 Jahre alt, und Henry Emmler, 27 Jahre alt, die am 6.4.1938 auf der „Europa“ von Bremen nach New York in See stechen, seine Frau und sein Sohn [17].

Aber warum verlässt Gustav nicht ebenfalls Deutschland, so wie 1939 sein Bruder Constantin? Reicht das Geld nicht, um alle in Sicherheit zu bringen?

1941 zieht Gustav Emmler wieder zurück ins Bayerische Viertel, diesmal in die Bamberger Straße 28.
Im November 1943 und im Febraur 1945 wird die Gegend um den Bayerischen Platz von Bombenangriffen schwer getroffen.

Ob Gustav Emmler den Krieg überlebt hat, ist unbekannt. 1949 lebt er nicht mehr, denn er wird posthum zum Ehrenmitglied Berliner Ruder-Clubs ernannt [9].

Henry Emmler: Möbelfabrikant

Henry Emmlers (*1877) Leben ist eng mit dem seines Bruders Gustav Emmler verbunden: Beide werden zunächst Verlagsbuchhändler im väterlichen Reinhold Schwarz Verlag, beide sind Inhaber der 1906 gegründeten Emmler’s Möbelfabrik am Kottbusser Damm 25-26 in Berlin-Kreuzberg, und beide wohnen seit dem Auszug aus der elterlichen Wohnung im Jahre 1913 nur einen Steinwurf voneinander entfernt am Bayerischen Platz: Gustav wohnt mit seiner Familie und der Mutter am Bayerischen Platz 11 und Henry in der Innsbrucker Straße 1.

Allegorie des Handels, Figur am Kottbusser Damm 25-26

Allegorie des Handels, Figur am Kottbusser Damm 25-26 (2011)

Sie besitzen gemeinsam mehrere Wohn- und Geschäftshäuser in Berlin, die sie vom Vater geerbt haben und führen bis zur Schließung der Möbelfabrik im Jahr 1927 die Geschäfte gemeinsam.

Anders als Heinrich, Constantin oder Gustav Emmler tritt Henry Emmler außer in seiner Funktion als Fabrik- und Hausbesitzer nicht in Erscheinung – nur dass er im Juni 1905 mit seinem ein Jahr älteren Bruder Constantin eine Schiffsreise nach New York unternommen hat und dort im Hotel Bartholdi in der 23rd Street abgestiegen ist, ist bekannt [6].

Hotel Bartholdi, New York, vor 1920

Hotel Bartholdi, New York, vor 1920

Henry wohnt mindestens bis 1943 in der Innsbrucker Straße; das Gebäude wird bei Bombenangriffen zerstört.

Ob Henry Emmler den Krieg überlebt hat, ist unbekannt.

Constant Blairon Blumen- und Federnfabrik

Ein Jahr nachdem Heinrich Emmler mit seiner Familie in die Beuthstraße 6 zieht, eröffnet 1884 im Nachbarhaus Nr. 7 Constant Blairon seine Blumen- und Federnfabrik.

Constant, möglicherweise ein Bruder von Emmlers Frau Rosine (geb. Blairon), führt sein Geschäft in der Beuthstraße 7 bis mindestens 1943.

Er wohnt zunächst in den Fabrikräumen in der Beuthstraße, zieht dann aber 1886, als eine verwitwete Verwandte (die Mutter? Oder eine Schwester?) nach Berlin kommt, mit ihr in eine Wohnung in der Alten Jakobstraße.
Nach einigen Wohnungswechseln zieht er 1894 wieder in die Nähe seiner Fabrik in die Beuthstraße 4.

1896 verkauft Heinrich Emmler seine Kunstblumenfabrik in der Beuthstraße 6 und zieht zum Wittenbrgplatz in die Ansbacher Straße. Constant Blairon bleibt dem Standort treu.

1896 nimmt Constant Blairon an der Berliner Gewerbeausstellung im Treptower Park teil und präsentiert seine Kunstblumen in der “ Sektion II Bekleidungs-Industrie“ im Haupt-Industrie-Gebäude. Ein Abgesandter der Pariser Handelskammer bemerkt:

„Die künstlichen Blumen von Constant Blairon zeigen, wie sich diese Industrie entwickelt, aber auch wie weit entfernt sie noch ist von der Anmut, der Schöpfung und der Natur!“ [18]

In den kommenden Jahren wechselt Blairon immer wieder seinen Wohnsitz: von der Beuthstraße 4 zieht er 1899 in die Steglitzer Straße 58 (heute Pohlstraße), 1908 in die Neue Winterfeldtstraße 9 und nach 1930 wieder in die Beuthstraße.

Vermutlich erlebt er das Kriegsende nicht, denn im Februar 1945 wurde das Gebiet rund um den Spittelmarkt bei Bombenangriffen fast vollständig zerstört.

Quellen

Alle Links abgerufen im Mai/Juni 2011.

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3 Antworten zu “Familie Emmler – Kunstblumen, Architektur und Möbel

  1. Pingback: Kottbusser Damm 25-26 | Berlin S 59

  2. Matthias Kloiber

    Danke für Ihren Artikel.

    Im Film von Lamprecht „Menschen untereinander“ aus dem Jahr 1926 blättern zwei Damen im Möbelkatalog von „Emmler’s Möbelfabrik“. Es sind dabei auch vier Seiten des Katalogs in Großaufnahme zu sehen (86. Minute).

    So bin ich auf Ihren Artikel gekommen.

    Am Anfang des Films werden die Protagonisten vorgestellt, die in ein und demselben Berliner Mietshaus wohnen, indem nacheinender die Namenseinträge der verschiedenen Mieter auf einer Mieter-Tafel gezeigt werden, die im Hausflur angebracht ist. Auf dieser Tafel finden sich auch die Hinweise „Notruf 201“ und „Bezirksamt 24“.

    Ich habe bisher keine Informationen finden können, welches Gebiet damals das Bezirksamt 24 umfasst hat. Könnten Sie weiterhelfen?

  3. Hallo,

    vielen Dank für den Hinweis auf den Film „Menschen untereinander“ und den Bezug zu Emmler’s Möbelfabrik!
    SIe haben nicht zufällig einen Screenshot/ Standbild der Katalogszene, den Sie mir zur Verfügung stellen könnten?

    Aber zu Ihrer Frage:
    In den 1920er Jahren hatte Berlin 20 Bezirke, in diesem Zusammenhang macht die „24“ also wenig Sinn.
    Es könnte sich um die Telefonnummer des zuständigen Bezirksamtes handeln (noch in den 1950er und 1960er Jahren werden auf den sog. „Stummen Portiers“ in Berliner Mietshäusern wichtige Telefonnummern vermerkt), jedoch sind die Telefonnummern öffentlicher Einrichtungen zu der Zeit bereits überwiegend vierstellig; außerdem wurde in den 1920er Jahren der jeweiligen Telefonnummer noch die Vermittlungsstelle vorangestellt (etwa „Wilhelm 5385“).
    Ansonsten fällt mir dazu höchstens der Postbezirk N24 ein, der sich rund um die Oranienburger Straße befand. Das wäre dann wohl das Bezirksamt Mitte gewesen.

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