Kottbusser Damm 25-26

Kottbusser Damm 25-26, Front (2011)

Das Fabrik- und Geschäftsgebäude mit Figurenschmuck und schönen Fassadendetails wurde 1906/1907 für Emmler’s Möbelfabrik errichtet. Zuvor gehörte das Grundstück dem Königlich Preußischen Einsenbahnfiskus, der es an den Nutzholzhändler Emanuel Schiffer verpachtet hatte. Schiffer nutzte die Grundstücke Kottbusser Damm 24-30 als Holzplatz und zog nach dem Verkauf nach Rixdorf ans Weigandufer 40-44.

1906 gründen Gustav und Henry Emmler, Söhne des Verlagsinhabers und ehemaligen Herstellers von Kunstblumen Heinrich Emmler, Emmler’s Möbelfabrik. Heinrich Emmler hat sich einen gewissen Wohlstand erarbeitet und besitzt mehrere Wohn- und Geschäftshäuser in Berlin.
Als Kaufmann im Ruhestand unterstützt er die Söhne finanziell bei ihrer Unternehmung, steht ihnen aber sicher auch beratend zur Seite.

Fassadendetail, Kottbusser Damm 25-26, Berlin-Kreuzberg

Kottbusser Damm 25-26, Fassadendetail (2011)

1906-1927: Emmler’s Möbelfabrik

Anzeige Emmler's Möbelfabrik, 1909

Berliner Adressbuch, 1909

Gustav und Henry Emmler kaufen 1906 das Grundstück Kottbusser Damm 25-26 und errichten dort ein vierstöckiges Geschäftshaus mit zwei Höfen.

Hier befinden sich ab 1907 auf etwa 5.000 Quadratmetern die Möbelproduktion, Lager- und Verkaufsräume von Emmler’s Möbelfabrik. 1909 inseriert die Firma die „Ständige Ausstellung von 150 Musterzimmern“ und wirbt mit einer eigenen Tapezier- und Tischlerwerkstatt.

Als Mieter ziehen neben Emmler’s Möbelfabrik die Crosinsky & Eisenack Perlmutterwarenfabriken („Engros, Export, Bijonterie- und Galanteriewaren, Besatzartikel für Konfektion, speziell Präsentartikel für Badeplätze“) und einige Tischler und  Möbelfabrikanten, so die „Möbelfabriken mit elektrischem Betrieb“ Reinhold Ferchel („Spez. Salons, gegr. 1859“) und Willy Lehmann („Spez. in Kastenmöbeln“) oder die Möbelfabrik und Kunstschlosserei Paul Schenk in das Haus.

Hofeinfahrt Kottbusser Damm 25-26 , Berlin-Kreuzberg

Kottbusser Damm 25-26, Hofeinfahrt (2011)

Anzeige Emmler's Möbelfabrik, 1914

Berliner Adressbuch, 1914

Die Geschäfte laufen gut, 1910/11 eröffnet Emmler’s Möbelfabrik eine Filiale am Spittelmarkt in der Leipziger Straße 62-63, die allerdings nur bis 1915 besteht – im 1. Weltkrieg geht die Nachfrage nach Möbeln deutlich zurück.

1911/12 zieht die Berliner Metallschraubenfabrik Hector, Marcuse & Co., G.m.b.H. im Kottbusser Damm 25-26 ein, 1914/15 die Metallwarenfabrik Georg Przybilla. Die Möbeltischler sind ausgezogen oder haben ihr Geschäft aufgegeben – nun sind andere Industriezweige gefragt.

Auch auf andere Weise macht sich der Krieg im Haus bemerkbar: Wilhelm Wiegert, seit 1909 Portier im Haus, wird eingezogen, kehrt aber aus dem Krieg zurück und nimmt ab 1918 seine Arbeit wieder auf (später kommt noch die Tätigkeit als Fahrstuhlführer hinzu).

Anzeige Emmler's Möbelfabrik, 1916

Berliner Adressbuch, 1916

Ab 1918 macht Emmler’s Möbelfabrik wieder mehr Werbung und inseriert die „Spezialität: Schlafzimmer, Herren- und Speisezimmer“.

Kottbusser Damm 25-26, Fenster in der vierten Etage (2011)

Nach dem Krieg scheinen die Geschäfte zunächst besser zu gehen, man wirbt wieder mit den eigenen Tischlerei- und Tapezierwerkstätten und den 5.000 Quadratmetern Fabrik- und Ausstattungsräumen.

Anzeige Emmler's Möbelfabrik, 1920

Berliner Adressbuch, 1920

1919/20 zieht die Metallwarenfabrik Georg Przybilla aus und die Gewa Schuh-Gesellschaft Wandke & Co. sowie die Pianofortefabrik A. Grand ein.

1922 zieht die Berliner Metallschraubenfabrik Hector, Marcuse & Co. aus, 1925 folgt die Crosinsky & Eisenack Perlmutterwarenfabrik.

Stattdessen ziehen 1925 die Beermann Vertriebs G.m.b.H. für Landwirtschaftsmaschinen, die Optisch-Mechanische Anstalt T. Lange sowie die Pianofortefabrik R. Vierling und 1926 die Optisch-Mechanische Anstalt C. F. Foth & Co. G.m.b.H. ein.

Die Geschäfte scheinen für Emmler’s Möbelfabrik immer schlechter zu laufen, denn 1927 schließt das Unternehmen, und die Besitzer Gustav und Henry Emmler setzen sich zur Ruhe.

Das Grundstück Kottbusser Damm 25-26 bleibt bis 1928 im Besitz von Gustav und Henry Emmler, dann wird es vom Bankgeschäft Rambaum & Co. übernommen.

Kottbusser Damm 25-26, Fassadendetail (2011)

1928-1945: Woolworth und das Jugendamt Kreuzberg

1928 zieht eine Filiale der F.W. Woolworth & Co. G.m.b.H ein, die bis heute im Erdgeschoss des Gebäudes ein Warenhaus betreibt.

Kottbusser Damm 25-26, Uhrenzifferblatt in Form einer Sonne (2011)

Von 1929 bis Kriegsende nutzen die verschiedenen Abteilungen der Wohlfahrtspflege des Bezirksamtes Kreuzberg das Gebäude. Neben dem Jugendamt (Zentrale, Jugendpflege, Krüppelfürsorge, Jugendgerichtshilfe, Jugendberatung) sind hier die Erwerbslosenhilfe, die Kleinrentnerfürsorge, die Sozialrentnerfürsorge, das Unterstützungsamt, die Abteilung für Vormundschaftssachen, die Waisenpflege sowie die Zahlstelle für Erwerbslosenhilfe, Sozial- und Kleinrentner untergebracht, also praktisch die Vorläufer der Abteilungen für Sozial- und Arbeitslosenhilfe.

Allegorie des Handels am Haus Kottbusser Damm 25-26, Berlin-Kreuzberg

Kottbusser Damm 25-26, Allegorie des Handels (2011)

Ab 1933 übernimmt der Kaufmann H. T. Heine für Rambaum & Co die Verwaltung des Gebäudes Kottbusser Damm 25-26 und bleibt Hausverwalter bis zumindest 1943.
1937 geht das Haus in das Eigentum der Heine’schen Erben in Kopenhagen über. Ob es sich hier um Verwandte von H. T. Heine handelt, ist unbekannt.

Ab 1938 befindet sich neben der Woolworth-Filiale ein kleiner Laden, der einen Friseursalon beherbergt.

Wilhelm Wiegert, Portier der ersten Stunde, tut bis 1939 in dem Gebäude Dienst als Hausmeister.

Allegorie der Industrie am Haus Kottbusser Damm 25-26, Berlin-Kreuzberg

Kottbusser Damm 25-26, Allegorie der Industrie (2011)

2011

Das Gebäude wird nach wie vor überwiegend gewerblich genutzt. Die Woolworth-Filiale besteht noch, daneben ist im ehemaligen FIX-Foto-Laden (das frühere Friseurgeschäft) seit einigen Jahren ein Telefonshop zu Hause.

Das Enslen Dentallabor, das TÜDESB Bildungsinstitut Berlin – Brandenburg e.V., der Allmende e.V., die Offsetdruckerei Delta Print, die Sportschule Banzai, das Tonstudio Freeborn Sound,  die Maximilian Benesch TV Produktion, das Kyo Mei–Shiatsu Loft sowie verschiedene Unternehmen für Design und Werbetechnik sind heute Mieter im Haus.

Wandkachel in der Hofeinfahrt, Kottbusser Damm 25-26, Berlin-Kreuzberg

Kottbusser Damm 25-26, Wandkachel in der Hofeinfahrt (2011)

Baugeschichte

Das Gebäude Kottbusser Damm 26-26 wurde 1906/1907 für Emmler’s Möbelfabrik errichtet. Der Architekt ist unbekannt; möglicherweise handelt es sich um den Bruder der Firmeninhaber, Constantin Emmler, der sich 1903 mit einem „Atelier für Architektur und Bau-Ausführung“ selbständig gemacht hatte.

Es handelt sich um ein vierstöckiges Fabrik- und Geschäftshaus in Ziegelbauweise mit zwei Höfen, die jedoch nur an drei bzw. zwei Seiten umbaut sind.

Die Fassade ist durch fünf kannelierte Pilaster vertikal in vier Zonen gegliedert. Die drei Pilaster werden von lebensgroßen Metallfiguren ( Zinkguss?) gekrönt. Die Figuren sind allegorische Darstellungen. Die linke Figur mit Anker stellt eine Allegorie des Handels dar, die rechte Figur mit Hammer, Amboss und Zahnrad eine Allegorie der Industrie. Die mittlere Figur trägt einen Lorbeerkranz und stellt somit vermutlich eine Tugend, eine Wissenschaft oder eine schöngeistige Beschäftigung dar. Ihre Attribute sind verlorengegangen, so dass eine genaue Zuordnung per Anschauung nicht möglich ist.

Möglicherweise sollen die Figuren an die drei Brüder Constantin, Gustav und Henry Emmler erinnern, die dieses Gebäude errichteten: den Schaffenden (Möbelproduktion), den Händler (Möbelgeschäft) und den Schöngeist (Architekt). Dies ist jedoch Spekulation.

Fassadenschmuck am Haus Kottbusser Damm 25-26, Berlin-Kreuzberg

Kottbusser Damm 25-26, Allegorische Darstellung und Zifferblatt (2011)

Die Putzfassade täuscht eine Verblendung mit Steinplatten vor. Die Fassadengestaltung ist schlicht, nur in der vierten Etage wurden dekorative Putz- und Stuckelemente angebracht.

Über dem mittleren Pilaster befindet sich ein in Stuck gearbeitetes Zifferblatt in Form einer stilisierten Sonne. Die dazugehörige Uhr ist nicht erhalten.
Daneben finden sich vier reliefartige stilisierte Fratzen (löwenähnliches Gesicht, gestaltet wie eine Maske) und florale Elemente wie Blätter und Ranken.
Die Bogenfelder der Fenster in der vierten Etage sind mit stilisierten Farnwedeln geschmückt.

Die Fassade des ersten Hofes ist mit glasierten weißen und dunkelgrünen Klinkern verkleidet, die Fassade des zweiten Hofes ist ohne Schmuck verputzt.

Zum Teil sind noch die Originalfenster erhalten (teilweise mit neuer Verglasung).

1. Hof, Kottbusser Damm 25-26, Berlin-Kreuzberg

Kottbusser Damm 25-26, 1. Hof (2011)

Die Figuren an der Straßenseite weisen kriegsbedingte Schäden auf. Die Fassade wurde nach dem Zweiten Weltkrieg saniert.

2008 wurden durch die Firma Furch Grundbau 25 Kubikmeter Boden verdichtet.

Bildergalerie

Kottbusser Damm 25-26, GesamtansichtKottbusser Damm 25-26, FrontKottbusser Damm 25-26, FigurenschmuckKottbusser Damm 25-26, FassadendetailKottbusser Damm 25-26, StuckverzierungKottbusser Damm 25-26, ZifferblattKottbusser Damm 25-26, FensterbögenKottbusser Damm 25-26, Allegorie und ZifferblattKottbusser Damm 25-26, AllegorieKottbusser Damm 25-26, Allegorie des HandelsKottbusser Damm 25-26, Allegorie des HandelsKottbusser Damm 25-26, Allegorie des HandelsKottbusser Damm 25-26, Allegorie der IndustrieKottbusser Damm 25-26, Allegorie der IndustrieKottbusser Damm 25-26, Allegorie der IndustrieKottbusser Damm 25-26, HofeinfahrtKottbusser Damm 25-26, Hofeinfahrt, TorKottbusser Damm 25-26, HofeinfahrtKottbusser Damm 25-26, Hofeinfahrt, AbstandhalterKottbusser Damm 25-26, Hofeinfahrt, WandkachelnKottbusser Damm 25-26, Hofeinfahrt, WandkachelKottbusser Damm 25-26, 1. HofKottbusser Damm 25-26, Kellertreppe im 1. HofKottbusser Damm 25-26, 1. Hof, FenstergitterKottbusser Damm 25-26, 1. HofKottbusser Damm 25-26, QuergebäudeKottbusser Damm 25-26m, Durchfahrt zum 2. HofKottbusser Damm 25-26, Gittertor an der 2. HofdurchfahrtKottbusser Damm 25-26, 2. Hof, SeitenflügelKottbusser Damm 25-26, 2. HofKottbusser Damm 25-26, HofdurchfahrtKottbusser Damm 25-26, TorAnzeige Emmler's Möbelfabrik 1909Anzeige für Emmler's Möbelfabrik 1914Anzeige Emmler's Möbelfabrik 1916Anzeige für Emmler's Möbelfabrik 1920

Durch Anklicken der Fotos auf dieser Seite gelangen Sie in meinen Flickr-Account, wo Sie die Bilder in Originalgröße betrachten können.

Eckdaten

Anschrift: Kottbusser Damm 25-26, 10967 Berlin
Baujahr: 1906/1907
Architekt/ Entwurf:
Bauherren: Gustav und Henry Emmler, Emmler’s Möbelfabrik
Ausführung:
Objektbeschreibung: Vierstöckiges Fabrik- und Geschäftshaus mit Ladenflächen im Erdgeschoss, zwei Höfe. Ausgebautes (5.) Dachgeschoss. Ziegelbau.
Straßenseite: Putzfassade mit Stuckornamenten. Vertikale Gliederung durch kannelierte Pilaster. Auf Höhe des vierten Stockwerks befinden sich drei etwa lebensgroße Metallfiguren (allegorische Darstellungen). Über dem vierten Stockwerk in der Mitte der Fassade ein in Putz gearbeitetes sonnenförmiges Zifferblatt (ohne Zeiger).
1. Hof: Fassade aus weiß und dunkelgrün glasierten Klinkern
2. Hof: Putzfassade ohne Schmuck
Denkmalschutz: nein

Können Sie die Angaben ergänzen? Dann bitte Hinweis in den Kommentaren! Danke.

Quellen

Weiterlesen

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7 Antworten zu “Kottbusser Damm 25-26

  1. Pingback: Familie Emmler – Kunstblumen, Architektur und Möbel | Berlin S 59

  2. Ich bin hin und weg – Ihre Posts sind unglaublich interessant. Bitte weiter machen! Schöne Grüße aus SW 61

  3. Jörg Wiedemann

    Wir haben mit Tischlerlehrlingen einige Fenster energetisch saniert und dafür den GASAG Zukunftspreis 2012 gewonnen.
    Toll dass es zu dem Haus diese tolle Dokumentation gibt.

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