Das Armenamt IV, Urbanstraße 123

Das Armenamt IV wird 1914 als  neueste von vier Niederlassungen der Kalkulaturabteilung der Armendirektion beim Magistrat von Berlin eingerichtet, zusätzlich zu den Armenämtern VIII (Eckertstr. 16), XII (Turmstr. 30) und XIII (Koloniestraße 3-4).
Es bezieht Räume im 1912/1913 neu errichteten Wohnhaus der Berliner Straßenreinigung in der Urbanstraße 123 (heute Urbanstraße 122-123). Amtsvorsteher ist Magistratsassessor Walter Dreyer (wohnhaft Gneisenaustr. 26), Büroleiter ist Stadtsekretär Wilhelm Schwar(t)ze (wohnhaft Taborstr. 14).

Die Organisation der Armenfürsorge in Berlin

Rapide Industrialisierung und Urbanisierung machen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reform der sozialen Sicherungssysteme notwendig. Die traditionelle kommunale Armenfürsorge wird durch Institutionen speziell für Arbeiter (Arbeiterversicherung u.ä.) ergänzt, und es entstehen eine Fülle neuartiger kommunaler Fürsorgeeinrichtungen, vor allem in den Bereichen Gesundheit und Kinder- und Jugendfürsorge. [1]

In Berlin sind die Fürsorgeeinrichtungen speziellen Direktionen beim Magistrat untergeordnet, etwa der Armendirektion, der Städtischen Waisendeputation, der Deputation für das Arbeitshaus und das städtische Obdach usw.

Die Armendirektion ist zuständig für finanzielle und Sachhilfen an Personen und Familien, die ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise nicht bestreiten können und keinen Anspruch auf andere Hilfen (etwa wegen Invalidität o.ä.) haben.

Berliner Kellerwohnung, 1903

Berliner Kellerwohnung, 1903 (Foto: Wikimedia Commons)

Die Armenfürsorge befindet sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Umbruch. Das bis dahin weit verbreitete sog. „Elberfelder System“, das ganz auf Ehrenamtlichkeit und Dezentralisierung setzt, kommt in der Großstadt mit teilweise homogen „armen“ Wohnvierteln an seine Grenzen.
Seit 1905 wird daher zunehmend das  sog. „Straßburger System“ eingeführt, das die Methoden des Elberfelder Systems durch stärkere Professionalisierung und Zentralisierung weiterentwickelt. [2]

Das ganze Stadtgebiet ist aufgeteilt in sog. Armenkommissionsbezirke, die jeweils von einem ansässigen Bewohner geleitet werden. Diese „Armen-Kommissionsvorsteher“ sind in der Regel Kaufleute, Handwerker, Beamte oder Rentner. Sie stehen den etwa 15 bis 20 ehrenamtlichen Armenpflegern ihres Bezirks vor, sammeln Spenden und koordinieren Hilfeleistungen. Die ehrenamtlichen Armenpfleger unterstützen bei Bedarf einzelne Bedürftige oder deren Familien durch Rat und Tat (Anträge stellen, Behördengänge, alltägliche Hilfeleistungen).

Diese ehrenamtlichen Armenpfleger werden im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts nach und nach durch Berufsarmenpfleger ersetzt, deren Zuständigkeit nach Fachkompetenz und nicht mehr nach räumlicher Nähe festgelegt wird. Den Ehrenamtlichen fällt dabei weiterhin die Aufgabe der Ermittlungstätigkeit in den Familien zu, während die hauptamtlichen Armenpfleger die Entscheidung treffen, ob die beantragte Hilfe und Unterstützung auch tatsächlich gewährt werden soll.

Berliner Kellerwohnung, 1905

Berliner Kellerwohnung, 1905 (Foto: Wikimedia Commons)

1913/1914 werden die mehr als 370 Berliner Armenkommissionsbezirke [3] in 25 Armenkreisen und vier Armenämtern  zusammengefasst. Die Armenkreise werden von Stadtverordneten geleitet, die Armenämter von höheren Verwaltungsbeamten (Magistratsräten, oder -assessoren).
Die Armenkreise und -ämter beschäftigen hauptamtliche Armenpfleger, die gemeinsam mit den Vorstehern der Armenkommissionsbezirke über Anträge auf Unterstützung entscheiden.

Das 1913/14 neu eingerichtete Armenamt IV in der Urbanstraße 123 ist zuständig für die Armenkommissionen der Tempelhofer Vorstadt und wird von Magistratsassessor Walter Dreyer geleitet.

Bürosaal um 1900

Bürosaal um 1900 (Foto: ullstein bild)

Hier die 35 Armenkommissionen des Jahres 1914, die vom Armenamt IV verwaltet werden sowie ihre Vorsteher:

22e Bergemann, Drogist, Katzlerstr. 7
24 Plath, Gerichtsassessor, Armendirektion
25 Kaulitz, Klempnermeister, Großbeerenstr. 2
26a/b Pflug, Bäckermeister, Großbeerenstr. 27a
27a Leistner, Königlicher Hof- und Bezirks-Schornsteinfegermeister, Temeplhofer Ufer 22
27b Hin, Zimmermeister, Teltower Str. 41
28a Engelhardt, Buchdruckereibesitzer, Kreuzbergstr. 77
28b Dr. Halberstadt, Rentier, Yorckstr. 67
28c/e Rimpler, Gymnasiallehrer, Katzbachstr. 20
28d Schade, Apothekenbesitzer, Großbeerenstr. 52
29a Grau, Tischlermeister, Belle-Alliance-Str. 71a
29b Blankenburg, Fabrikant, Bergmannstr. 17
30a Poethke, Schornsteinfegermeister, Fidicinstr. 15
30b Schäfer, Gürtlermeister, Mittenwalder Str. 38
30c Kohl, Drogist, Chamissoplatz 7
31a Frau Möhle, Mariendorfer Str. 16
31b Drohmann, Kaufmann, Nostitzstr. 20
32 Kellner, Friseur, Baruther Str. 1
33a Frank jun., Kaufmann, Zossener Str. 41
33b Tanger, Buchdruckereibesitzer, Mittenwalder Str. 47
34 Rex, Hofuhrmacher, Blücherstr. 2
35 fehlt z.Z.
36a Preß, Eigentümer, Baerwaldstr. 46
36b Hampel, Versicherungsbeamter, Urbanstr. 105
36c Petrich, Stadtsekretär, Urbanstr. 121
36d Wendel, Lehrer, Graefestr. 38
36e Katsch, Fabrikant, Lehniner Str. 6
36f fehlt z.Z.
37a Kalner, Kanzleisekretär, Böckhstr. 52
37b Thaens, Bäckermeister, Dieffenbachstr. 12
38a Grosche, Schuhmachermeister, Graefestr. 68
38b Bracht, Gastwirt, Schönleinstr. 20
38c Gorpe, Eigentümer, Böckhstr. 37

Da jede Armenkommission maximal etwa 600 Arme betreuen soll, fallen unter die Zuständigkeit des Armenamts IV bis zu 21.000 Bedürftige in der Tempelhofer Vorstadt.

In der Praxis werden es zumindest bei Einrichtung des Amtes erheblich weniger Personen gewesen sein, die amtliche Unterstützung erhielten. Für ganz Berlin weist das Statistische Jahrbuch 1905 ca. 50.500 unterstützte Personen pro Monat aus. In der Zeit des 1. Weltkriegs und in der folgenden Wirtschaftskrise sind die Zahlen aber natürlich stark angestiegen.

Nach Entstehung der Stadtgemeinde Groß-Berlin im Oktober 1920 wird die Verwaltung umstrukturiert und viele Aufgaben in die Hand der Bezirksverwaltungen gegeben. Als Folge schließt 1921 das Armenamt IV in der Urbanstraße; seine Aufgaben werden künftig vom Unterstützungsamt im Rathaus Kreuzberg wahrgenommen.

Quellen

Weiterlesen

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2 Antworten zu “Das Armenamt IV, Urbanstraße 123

  1. Pingback: Urbanstraße 122-123 | Berlin S 59

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