Gustav Erdmann – Direktor der Stadtreinigung

Gustav Erdmann, von 1913 bis 1920 Stadtreinigungsinspektor bei der Stadt Schöneberg, dann bei der Stadt Berlin, übernimmt 1921 das Amt als Direktor der Berliner Straßenreinigung von Julian Szalla, der im Alter von 70 Jahren in den Ruhestand geht.

Noch im selben Jahr bezieht er seine Dienstwohnung in der Urbanstraße 123 (heute Urbanstraße 122-123), im Wohnhaus, das zum Fahrzeugdepot II der Berliner Straßenreinigung gehört.

Urbanstraße 122-123, Front

Wohnhaus der Berliner Straßenreinigung, Urbanstraße 122-123 (2012)

Für Erdmann ist es nichts Neues, eine Dienstwohnung zu haben; bereits in Schöneberg hat er seit 1913 in dem 1911/12 errichteten Wohnhaus des neu eingerichteten städtischen Straßenreinigungsdepots in der Maxstraße 19-21 (seit 1963 Kärntener Straße) gewohnt (die Gebäude stehen noch; hier befindet sich heute ein Recyclinghof der BSR).

Er übernimmt das Amt des Direktors der Berliner Straßenreinigung in einer unruhigen Zeit: Durch den Zusammenschluss vieler Einzelgemeinden zur Stadtgemeinde Groß-Berlin  im Oktober 1920 sind die Anforderungen an die Verwaltung immens. Dazu kommt die angespannte wirtschaftliche Lage nach dem 1. Weltkrieg und der veraltete Fuhrpark der Straßenreinigung, der den wachsenden Anforderungen immer weniger gerecht wird. Vor Gustav Erdmann liegt also viel Arbeit.

Motorisierung des Fuhrparks

Einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Stadtreinigung in Berlin leistet Erdmann in seiner Amtszeit mit der Entwicklung und Einführung zahlreicher neuer Maschinen und Fahrzeuge bei der Straßenreinigung.

In einem Aufsatz von 1929 schreibt er:

„Die Entwicklung des Verkehrs, die gesteigerten Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege und wirtschaftliche Rücksichten zwingen die Straßenreinigungsbetriebe, die Handarbeit immer mehr einzuschränken und an deren Stelle die Maschinenarbeit einzuführen. Mit einer Anzahl neuer Maschinen und Fahrzeuge sind Versuche gemacht worden. Bei einigen, wie den selbstaufnehmenden Kehrmaschinen, den Baggersaugwagen und Sandstreumaschinen, sind die Versuche im großen und ganzen als beendet anzusehen; die Maschinen arbeiten bereits im praktischen Betriebe.“ [1]

Eine der von Erdmann angesprochenen – und angeschafften – Maschinen ist die selbstaufnehmende Kehrmaschine, die das gefährliche und teure Arbeiten  mit Besen und Handkarre ablösen. In den Jahren 1927 und 1928 testet die Berliner Straßenreinigung eine Kehrmaschine der englischen Karriers Motors Ltd.,  eine Elgin-Maschine amerikanischen Ursprungs, eine von Daimler-Benz gemeinsam mit Weygandt & Klein entwickelte Kehrmaschine sowie eine Kehrmaschine der Nürnberger Faun-Werke.

Elgin-Kehrmaschine 1914

Elgin-Kehrmaschine 1914 (Foto: Anaheim Public Library)

Alle getsteten Maschinen können Straße und Rinnstein fegen, den Kehricht aufnehmen und verfügen über einen Wassertank samt Sprengvorrichtung.

Die Ergebnisse führen zunächst zum Ankauf der Elgin-Maschine, die von der Berliner Firma Muchow & Co. in Lizenz produziert wird. In einer achtstündigen Arbeitsschicht können mit dieser Maschine 143.000 qm Straßenland gereinigt werden. Gemeinsam mit Daimler-Benz und den Faun-Werken (Nürnberg) wird aber gleichzeitig an Verbesserungen der deutschen Fabrikate gearbeitet.

Da mit den Kehrmaschinen nur Steinpflaster gereinigt werden kann, nicht aber Asphaltstraßen, werden zusätzlich Asphaltreinigungsmaschinen getestet. Diese besprühen den Straßendamm zuerst mit Wasser und schalten dann eine Gummiwalze ein, die das Spülwasser vor sich her und zur Seite treibt, wobei der
Schmutz in die Gullys gespült wird. Da der Straßenschmutz mit Öl durchsetzt ist (Tropföl von Kraftwagen), werden dem Wasser teilweise Chemikalien zugesetzt.

Sprengwagen-Vorführung 1925

Sprengwagen-Vorführung 1925 (Foto: Saubere Zeiten e.V.)

Eine andere Variante sind Spritzmaschinen, die das Spülwasser unter starkem Druck auf die Straße spritzen. Der scharfe Wasserstrahl soll die auf der Straßendecke haftenden Schmutzteilchen losreißen und sie in die Entwässerungsanlagen abschwemmen.

Zur Reinigung der Gullys werden Saugwagen der Daimler-Benz-Werke mit einem Aufbau der Ref-Werke (Stuttgart) bzw. einem verbesserten Aufbau der Firma Schörling (Hannover) eingesetzt.

Für den Winterdienst werden Streumaschinen als Anhänger für bei Winterglätte nicht eingesetzte Arbeitsmaschinen wie Kehrmaschinen usw. sowie verbesserte Kraftschneepflüge angeschafft. Die Tests, die mit finnischen Schneeschmelzmaschinen durchgeführt werden, verlaufen hingegen nicht zufriednstellend: bei geringer Leistung und einem hohen Brennstoffverbrauch sind die Betriebskosten etwa genauso hoch wie das Abtransportieren des Schnees zu öffentlichen Wasserläufen oder den Einschüttstellen der
Stadtentwässerungsanlagen.

Zusammenführung von Straßenreinigung und Müllabfuhr

Die nächste große Herausforderung in Erdmanns Amtszeit steht im Jahr 1929 an, als der bisherige Direktor der 1922 gegründeten Berliner-Müllabfuhr-Aktiengesellschaft (BEMAG), Kurt Lettow, wegen des Vorwurfs der Untreue suspendiert wird.

Erdmann war bereits im Herbst 1927 zum unbesoldeten Mitglied des BEMAG-Aufsichtsrates bestellt worden, nachdem die Stadt Berlin 85,5% des Aktienkapitals der BEMAG übernommen hatte. Damals sollte er vor allem bei Verhandlungen über die Fuhrpreise die Interessen der Stadt im Aufsichtsrat vertreten und als fachlicher Berater fungieren. [2]

Nach der Suspendierung Lettows wird Gustav Erdmann gleichzeitig zum Leiter der Müllabfuhr ernannt – ein erster Schritt zur Vereinheitlichung des Müllabfuhrwesens und zur Zusammenführung beider Betriebe.

Bis zum April 1931 gliedert Erdmann die noch bestehenden Bezirksmüllbetriebe  in die BEMAG ein; am 1.4.1931 ist der Prozess mit der Eingliederung der Müllbetriebe in Spandau, Wilmersdorf und Schöneberg abgeschlossen.

1933 wird der Aktienanteil des Deutschen Verkehrsbundes an der BEMAG vom Staat beschlagnahmt und politisch missliebige Vorstandsmitglieder wie der Sozialdemokrat Erdmann werden suspendiert. Neuer „Betriebsführer“ der BEMAG wird der SS-Stabsführer der Gruppe Ost (Pommern) Fritz Karl Engel, den Vorsitz im Aufsichtsrat nimmt SS-Oberführer und Verkehrsstadtrat Johannes Engel ein.

Ehemaliger Sitz der Berliner Müllabfuhr AG (BEMAG) in der Poststraße 13-14

Ehemaliger Sitz der Berliner Müllabfuhr AG (BEMAG) in der Poststraße 13-14, Fassade von 1935
(Quelle: Wikimedia Commons, Foto von Beek100)

Erdmann muss die Dienstwohnung in der Urbanstraße verlassen und zieht in die Bergmannstraße 68, ein Haus, das seit 1937 der „Vaterländische Volksversicherung Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit zu Berlin“, der Nachfolgeorganisation des „Volks-Feuerbestattungsvereins Groß-Berlin“ gehört. Er führt weiter seinen Direktorentitel, seit 1939 mit dem Zusatz „a. D.“.

Gleich nach dem Krieg wird auf Befehl der Alliierten Kommandantur am 27.8.1945 eine zentrale Verwaltung für die „Groß-Berliner Straßenreinigung und Müllabfuhr“ geschaffen, die zunächst für alle Berliner Bezirke zuständig ist. Erst ab 1948 werden die Verwaltungen für Ost- und West-Berlin getrennt.

1946 wird Gustav Erdmann von den Alliierten als Direktor der nun zusammengefaßten Berliner Müllabfuhr und Straßenreinigung eingesetzt. Bis zur Teilung der Stadtverwaltung im Jahr 1948 kommt es immer wieder zu  Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Berliner Magistrat und den Alliierten.

Ende November 1948 beginnen in West-Berlin ansässige Verwaltungsmitarbeiter der „Groß-Berliner Straßenreinigung und Müllabfuhr“, darunter auch der Direktor, mit den Vorbereitungen zum Aufbau einer eigenständigen Westberliner Straßenreinigung und Müllabfuhr, die als „Berliner Stadtreinigung (BSR)“ ab 1. April 1951 ihren Hauptsitz in der Ringbahnstraße in Tempelhof hat. [3]

Quellen

Weiterlesen

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5 Antworten zu “Gustav Erdmann – Direktor der Stadtreinigung

  1. Pingback: Urbanstraße 122-123 | Berlin S 59

  2. Pingback: Julian Ignaz Szalla – Magistratsbaurat und Direktor der Straßenreinigung | Berlin S 59

  3. Christofer Jensen

    Unglaublich interesannt ! werde ich mir zu Herzen nehmen.

  4. Jürgen Bollinger

    Sehr interessanter Beitrag, tolle Fotos und toll geschrieben. Ist definitiv weiter zu empfehlen.

  5. Ich freue mich über positive Kommentare – aber nicht, wenn diese nur IHREM Zweck dienen, nämlich Backlinks zu generieren. Ihre URLs wurden daher aus dem Kommentar entfernt.

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