Julian Ignaz Szalla – Magistratsbaurat und Direktor der Straßenreinigung

Julian Ignaz Szalla wird am 19.2.1851 in Bromberg (heute Bydgoszcz in Polen) als zweiter Sohn und sechstes Kind des Kanzleirats Ignatz Mathias Szalla (1798-1887) und von Ernestine Antonie, geb. Zeidler (1814-1891) geboren.[1]

1878 besteht er die Prüfung zum Königlichen Bauführer [2] und zieht 1881 oder 1882 nach Berlin in die Weißenburgerstraße 61 (heute Kollwitzstraße).

Baumeister bei den Radialsystemen

1884 wird er zum Königlichen Regierungs-Baumeister ernannt [3] und arbeitet bei der Betriebsverwaltung der Berliner Kanalisationswerke zunächst im „Bau-Büreau“ im Berliner Rathaus (Zimmer 123) unter Stadtbaurat Dr. James Hobrecht.

Von 1887 bis 1896 leitet er als „Abtheilungs-Baumeister“ verschiedene Abteilungen im „Central-Bau-Büreau der Canalisation“, die für den Bau und Betrieb der Radialsysteme zuständig sind.

Die Radialsysteme sind eine Idee des Stadtbaurats James Hobrecht (1825-1903). Es handelt sich um 12 unabhängige Kanalisationssysteme mit je einem Pumpwerk, das häusliches, gewerbliches und industrielles Schmutzwasser sowie Niederschlagswasser über mehrere Kilometer lange Druckrohrleitungen zu  außerhalb der Stadt gelgenen Rieselfeldern pumpt. [4]

Radialsystem V - Pumpwerk in der Holzmarktstraße

Radialsystem V – Pumpwerk in der Holzmarktstraße
(Foto: Berliner Wasserbetriebe)

Mit dem Bau der Radialsysteme wurde nach mehrjährigen Vermessungs- und Vorbereitungsarbeiten im Jahr 1873 begonnen, und 1876 ging das erste System, Radialsystem III (Pumpwerk Schöneberger Straße), in Betrieb.

„Ende 1914 hatte das Netz eine Länge von 923,4 km Rohrleitungen und 200,4 km gemauerten Kanälen, war also insgesamt 1 124,1 km lang und wies ca. 18 000 Einstiegsschächte sowie fast 23 000 Gullys zur Straßenentwässerung auf. Über die 32 000 Grundstücksanschlüsse wurden die Abwässer von rund 2,2 Millionen Einwohnern entsorgt. Alle im Einzugsgebiet liegenden Bereiche der Nachbarorte Charlottenburg, Schöneberg, Lichtenberg, Boxhagen- Rummelsburg und Stralau sowie eine Reihe weiterer Vororte waren angeschlossen.“
(Hilmar Bärthel: Gedrängel im Untergrund [5])

Szalla kümmert sich vor allem um die Anlagen der Radialsysteme IX (Abwasserpumpwerk Seestraße und Rohrleitungen zu den nördlichen Rieselgütern) und X (Abwasserpumpwerk Bellermannstraße und Rohrleitungen zu den nördlichen Rieselgütern) sowie seit 1893 um Nachtragsbauten in den Radialsystemen IV (Pumpwerk Scharnhorststraße), VIII (Pumpwerk Alt Moabit), IX und X.

Radialsystem XI - Pumpwerk Carmen-Sylva-Straße (heute Erich-Weinert-Straße), um 1908

Radialsystem XI – Pumpwerk Carmen-Sylva-Straße (heute Erich-Weinert-Straße), um 1908 (© Bauwelt)

Mit der Ernennung zum Abteilungs-Baumeister zieht Szalla 1887 zunächst in die Schönhauser Allee 146, dann 1890/91 in die Gerichtstraße 36 und schließlich 1894/95 an den Savignyplatz 5.

1891 stirbt seine erste Frau Selma (geb. Halm), mit der er zwei Söhne hat. Er heiratet bald darauf Gertrud (geb. Gerhard) und bekommt mit ihr einen weiteren Sohn und eine Tochter [6].

1896 wird Szalla zum Stadt-Bauinspektor befördert und leitet seit 1898 die Tiefbau-Abteilung in der Direktion der städtischen Kanalisationswerke.

Ab 1900/1901 leitet er die „Bau-Inspection V“ bei der Bau-Deputation für Tiefbau unter Stadtrat Voigt. Hier ist er zuständig für die Kontrolle von Tiefbauanlagen in Mitte. Diese Abteilung war ein Vorläufer des heutigen Tiefbauamtes Mitte.

1902 zieht er mit seiner Familie in die Eislebener Straße 9 und 1905 in die Bayreuther Straße 44, wo er bis 1917 wohnen wird.

Direktor der städtischen Straßenreinigung

1905 wird Szalla zum Magistratsbaurat (Stadtbaurat) befördert und am 1.2.1906 zum Direktor der städtischen Straßenreinigung ernannt. [7] Er wird damit Nachfolger des 1905 verstorbenen Gustav Schlosky, der die städtische Straßenreinigung von 1880 bis zu seinem Tode geleitet hatte.

Die Stadtreinigung ist in Berlin im Jahre 1875 kommunalisiert worden (vorher war die Feuerwehr für diese Arbeiten zuständig). Um 1900 hat die städtische Straßenreinigung folgende Aufgaben:

  • Reinigung und Besprengung der Pflasterstraßen und Bürgersteige
  • Abfuhr des Kehrichts aus öffentlichen Müllsammelbehältern und Verwaltung des Abladegeländes
  • Bau und Unterhaltung von Straßenreinigungsdepots
  • Unterhaltung der Maschinen und des Fuhrparks
  • Betrieb und Unterhaltung der öffentlichen Bedürfnisanstalten
  • Beaufsichtigung und Unterhaltung der städtischen Rettungsstationen [8]

Zu dieser Zeit werden Straßenreinigung und Müllabfuhr noch getrennt verwaltet und betrieben. Erst 1924 wird die Verwaltung der Müllabfuhr der „Deputation für Straßenreinigung und Fuhrwesen“ unterstellt; die Müllabfuhr selbst wird bis 1935 von privaten Unternehmen ausgeführt. [9]

Während seiner Amtszeit (1906-1921) hat Szalla mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen:

Der Fuhrpark muss erweitert und modernisiert werden. 1907 wird beschlossen,  278 Pferdesprengwagen „mit Millerschen oder ähnlichen Brausen“ auszustatten. [10] Ein derartig ausgerüsteter Sprengwagen verfügt über eine vom Kutschbock aus für jede Wagenseite verstellbare Sprengvorrichtung, was eine größere Flexibiliät mit sich bringt. [11]

Sprengwagen

Pferdesprengwagen, um 1900
(Lexikon der gesamten Technik, hg. von Otto Lueger, 1904)

1908 beginnt die Straßenreinigung mit dem Einsatz von Straßenwaschmaschinen mit Elektroantrieb, einer Erfindung des Berliner Fabrikanten A. Hentschel.

Hentschel ist Inhaber einer „Gaufriranstalt und Brokat-Druckerei“ in der Neuenburger Straße 32 in Kreuzberg, als er im Jahr 1887 ein Patent auf die neuartige Straßenwaschmaschine anmeldete und 1888 die Idee der Stadt anbot.
Erst Direktor Szalla erkennt im Jahr 1906 das Potential der Straßenwaschmaschine (das Patent war seit 1893 abgelaufen) und lässt eine Reihe der Maschinen herstellen und mit Elektroantrieb versehen. Im Jahr 1913 sind bereits 40 dieser Maschinen in Berlin unterwegs. [12, 13]

Strassenwaschmaschine mit Elektroantrieb, 1907

Strassenwaschmaschine mit Elektroantrieb nach dem Patent von A. Hentschel, 1907

Neue Depots für Fahrzeuge und Geräte sind einzurichten. Im März 1907 erhält die Straßenreinigung hierfür zwei städtische Grundstücke in der Urbanstraße und in der Limburger Straße und 170.000 Mark.
Szalla ist möglicherweise für den Entwurf des Wohnhauses der Straßenreinigung in der Urbanstraße 123 verantwortlich.

Im Schneewinter 1909 wird Berlin Anfang März von schweren Schneestürmen heimgesucht. Die Straßenreinigung muss zusätzlich zum Stammpersonal von 2.000 Arbeitern zeitweise bis zu 3.000 Hilfsarbeiter einstellen (meist Arbeitslose), um der Schneemassen Herr zu werden. Mehr als 1.500 Wagen sind im Einsatz, unterstützt von städtischen Rieselfelderwagen zur Schneeabfuhr [14, 15]:

„Die Straßenreinigungskolonnen waren ununterbrochen beschäftigt, die Hauptstraßen passierbar zu machen. Die Beseitigung der Schneemassen bereitet der Straßenreinigung große Schwierigkeiten. Wo es möglich ist, wird der Schnee in die Einsteigeschächte der städtischen Kanalisation geworfen und nach den Rieselfeldern befördert; stellenweise werden die Schneemassen auch in die offenen Flußläufe geworfen.“
(Berlin im Schnee, Berliner Tageblatt 03.03.1909 [16])

Schneepflug der Berliner Straßenreinigung, 1907

Schneepflug, 1907
(Quelle: Saubere Zeiten e.V.)

Der 1. Weltkrieg bringt einen Mangel an ausgebildeten Arbeitskräften und Pferden mit sich. Anfallende Arbeiten müssen von Kriegsgefangenen und Frauen  geleistet werden oder entfallen ganz. Anfang März 1917 fällt bei einem verspäteten Wintereinbruch jede Menge Schnee, der die Straßenreinigung vor große Herausforderungen stellt. Soldaten und Schüler unterstützen die verbliebenen Arbeiter bei der Beseitigung der Schneemassen, und Hausbesitzer und Bewohner der Stadt greifen, wo es möglich ist, selbst zur Schippe. [17, 18]

Erhöhte Lohnkosten und die beginnende Inflation stellen nach dem 1. Weltkrieg alle kommunalen Einrichtungen vor große finanzielle Schwierigkeiten. Investitionen in Fuhrpark, Geräte, Gebäude und sonstige Einrichtungen müssen auf das Notwendigste reduziert werden.

Aber trotz aller Herausforderungen findet Szalla auch Zeit, über die Arbeit der Berliner Straßenreinigung in Fachaufsätzen zu berichten. So erscheint 1910 sein Aufsatz „Der Straßenstaub und seine Bekämpfung mit besonderer Berücksichtigung der Berliner Verhältnisse“ in der Hygienischen Rundschau [19], 1914 stellt er „Das Berliner Strassenreinigungswesen“ in einem Buch über Berlin [20] vor, und 1918 verfasst er Teil 4 des 2.  Bandes (Städtereinigung) von Theodor Weyls Handbuch der Hygiene: „Strassenhygiene ausschliesslich Beseitigung des Hausmülls“ (erschienen 1918 bei J.A. Barth in Leipzig).

1917 zieht Szallas Familie zum Siegmunds Hof 21, wo sie bis zu seiner Pensionierung lebt.

1921 geht Julian Szalla im Alter von 70 Jahren in den Ruhestand und zieht aus Berlin weg. Sein Nachfolger als Direktor der Berliner Straßenreinigung wird Gustav Erdmann, Stadtreinigungsinspektor bei der Stadt Berlin.
Anfang 1929 stirbt Szalla als Magistratsbaurat i.R. in Sperenberg (Kreis Teltow) [21]. Das Schicksal seiner zweiten Frau und seiner Kinder ist unbekannt.

Quellen

Weiterlesen

6 Antworten zu “Julian Ignaz Szalla – Magistratsbaurat und Direktor der Straßenreinigung

  1. Pingback: Gustav Erdmann – Direktor der Stadtreinigung | Berlin S 59

  2. Pingback: Urbanstraße 122-123 | Berlin S 59

  3. Das ist ein Juwel, dein Text. Vielen dank!

  4. Ganz prima der Text! Wir sollrten uns mal unterhalten.

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