Kiez-Chronik: Gefährliche Silvesterfeiern

In der Silvesternacht 2012 stürzt eine 29-jährige Frau im Eckhaus Urbanstraße/ Graefestraße in einen Lichtschacht und ist sofort tot. Sie wollte mit Freunden vom Dach das Silvesterfeuerwerk über Kreuzberg bewundern und war wohl über die niedrige Ummauerung gestolpert und in den Schacht gestürzt [1].

Nicht mit dem Tod aber mit schweren Verletzungen endeten zwei Vorfälle, die sich vor fast 90 Jahren im Kiez ereigneten…

Sektgläser

Heckenschützen am Südstern

In den 1920er Jahren war es keine Seltenheit, dass vor allem junge Männer ihrer Freude und Feierlaune zu Silvester durch (scharfe) Schüsse aus dem Revolver Ausdruck verliehen. Wenn alles gut ging, gingen die Schüsse in die Luft und richteten keinen Schaden an. War der Schütze nicht mehr ganz nüchtern, konnten die Geschosse auch schon mal die Fenster gegenüberliegender Wohnungen durchschlagen. Ganz übel konnte es werden, wenn die – meist betrunkenen – Schützen einfach wild um sich ballerten oder den Revolver sogar benutzten, um Streitigkeiten auszutragen.

Im Jahr 1926 wurden in der Silvesternacht in Berlin acht Menschen durch Schüsse verletzt. Eines der Opfer war die 38 Jahre alte Berta Grusch aus der Freiligrathstraße 3, die an der Ecke Hasenheide/ Camphausenstraße (heute Körtestraße) von einer Revolverkugel am rechten Unterarm getroffen wurde. Der Schütze konnte nicht ermittelt werden, wie die Vossische Zeitung damals schrieb.

Blutiger Streit

Ein weiterer blutiger Zwischenfall ereignete sich zwei Jahre später in einem Lokal an der Kottbusser Brücke, genauer gesagt in der Britzer Straße 24 (heute Kohlfurter Straße), an der Ecke zum Cottbusser Ufer (heute Fraenkelufer):

Dort kam es zwischen dem 18 Jahre alten Josef Tobianski aus der Schönleinstraße 8 und dem Wirt des Lokals, dem 38jährigen Rudolf Zeller, zu einem erregten Streit. Schließlich versetzte Tobianski dem Wirt mit einem Messer einen so schweren Halsstich in die Schlagader, daß er nach dem Urban-Krankenhaus gebracht werden mußte, wo er in bedenklichem Zustande darniederliegt. Der Arbeiter Willi Lange aus der Langen Straße 27, der ihm zu Hilfe eilte, trug gleichfalls Messerstiche im Oberarm davon. Tobianski flüchtete und verletzte auf der Kottbusser Brücke noch einen seiner Verfolger. Schließlich wurde er auf dem Boden des Hauses Boeckhstraße 4 gefunden und der Polizei übergeben. Er behauptet, in schwerer Trunkenheit gehandelt zu haben.
(Vossische Zeitung 2.1.1929, Morgen-Ausgabe)

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4 Antworten zu “Kiez-Chronik: Gefährliche Silvesterfeiern

  1. Ich hatte keine Ahnung, dass jemand gestorben ist! Was für eine sinnlose Tod… Ich gehöre die Sicherheits-Brigade die eher auf keinen Dach steigt weil ich immer an die Gefahren denken muss. In Warschau ist auch ein 5-jährges Mädchen gestorben weil die Eltern Feuerwerke im Garten geschossen haben und sich nicht „ganz“ an die Sicherheitsregeln gehalten haben. 90 Jahre hier oder her – wir sind immer die gleiche.

    • Schrecklich, wie sich im Bruchteil einer Sekunde eine fröhliche Feier in eine Tragödie verwandeln kann. Zwar gehören Unfälle zum Leben, aber an der Sinnlosigkeit der Folgen solcher „kleinen Unachtsamkeiten“ kann man schon manchmal verzweifeln.

  2. Der Absturz der jungen Frau ist ja wirklich bedauerlich. Ich und meine Freunde haben als Kinder oft auf den Dächern gespielt. Wir waren durchaus der Gefahren gewähr aber wir glaubten, dass wir vorsichtig genug waren. Es ist niemals etwas passiert.. Im Dunkeln wären wir nicht darauf gegangen.

    • Für Kinder ist das ja auch ein toller Abenteuerspielplatz – aber man muss eben wissen, was man tut und sich der Gefahren immer bewusst sein. Im Dunkeln und dann noch womöglich angetrunken… – niemals!
      Mittlerweile sind aber auch viele Dächer, Schornsteine und Mäuerchen sehr marode – man sieht das meist gar nicht, aber bei Belastung brechen sie einfach zusammen. Ich glaube, in einem der Artikel war der Fall einer Frau erwähnt, die sich eine Hängematte zwischen zwei Schornsteine spannte, woraufhin der eine zusammengebrochen ist und sie unter sich begraben hat…

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