Abgefackelt

Der Geruch von Öl und verbranntem Plastik liegt noch in der Luft, Bürgersteig und Fahrbahn sind mit weißem Löschmittel bedeckt – fast erwartet man, dass aus der verkohlten und zerschmolzenen Motorhaube des schwarzen Audi-Mittelklassewagens noch Rauch aufsteigt.

Aber die Löscharbeiten sind seit mehreren Stunden beendet. Dennoch realisieren verwirrte und entsetzte Anwohner erst langsam, was hier passiert ist:
In den frühen Morgenstunden brannten im Bereich Böckhstraße – Planufer – Carl-Herz-Ufer insgesamt sieben Autos – die vermutlich politisch motivierten Brandstiftungen, die die Stadt seit bald zehn Jahren beschäftigen, finden nun auch im bislang ruhigen und gemütlichen Graefe-Kiez statt.

28.7.2016 - Ausgebranntes Auto in der Böckhstraße in Berlin-Kreuzberg

Ein ausgebrannter Audi vor der Böckhstraße 33

Um 4:51 Uhr am heutigen Morgen (28.7.2016), so berichtet der Tagesspiegel unter Berufung auf die Berliner Feuerwehr zunächst, wurden drei brennende Wagen in der Böckhstraße gemeldet, kurz darauf brannte ein weiteres Auto auf dem Parkplatz des Urban-Krankenhauses und noch einige Minuten später zwei Wagen im Carl-Herz-Ufer.

Als erstes hatte die B.Z. berichtet, auch mit ersten Fotos vom Ort des Geschehens, während die übrigen Berliner und überregionalen Medien sich zunächst auf eine entsprechende Agenturmeldung und Archiv-Fotos beschränken.

Etwas später sind dann auch andere Fotografen vor Ort und fotografieren die ausgebrannten Wracks, so die Berliner Morgenpost oder der Tagesspiegel in einem neuen Beitrag, in dem auch die Chronologie detaillierter geschildert wird:

Nach Angaben eines Sprechers [der Feuerwehr] wurden um 4.51 Uhr zwei brennende Autos aus der Böckhstraße 30 gemeldet, fünf Minuten später schlugen Flammen aus drei Wagen aus der Böckhstraße 33. Um 4.59 Uhr brannte ein sechstes Auto auf dem Parkplatz des Urbankrankenhauses an der Dieffenbachstraße. Noch einmal sechs Minuten um 5.05 Uhr wurden Brände an zwei Wagen am Carl-Herz-Ufer gemeldet.

Quelle: Brandserie in den Morgenstunden, Der Tagesspiegel, 28.7.2016, 9:43 Uhr

Ich habe mich gegen 9:00 Uhr selber vor Ort umgesehen und sah, dass in der Böckhstraße, am Planufer und am Carl-Herz-Ufer mehrere Bereiche mit rot-weißem Flatterband abgesperrt waren und jeweils von zwei Polizisten beaufsichtigt wurden. Nicht in jedem abgesperrten Bereich stand ein ausgebranntes Auto, vermutlich wurden also auch Bereiche gesperrt, wo man sonstige Spuren zu finden hoffte bzw. gefunden hatte.

Zwei der Wagen sahen sehr spektakulär aus, das sind auch die, die jetzt in den Pressefotos zu sehen sind – ein schwarzer Audi und ein ebenfalls schwarzer MINI Cooper Countryman, beide in der Böckhstraße zwischen Kottbusser Damm und Graefestraße.

28.7.2016 - Ausgebranntes Auto in der Böckhstraße in Berlin-Kreuzberg

Ausgebrannter MINI Cooper vor der Böckhstraße 41

Mich interessierte auch, was da für Autos ausgesucht worden waren – waren das wirklich nur „Bonzenkarren“, also teure, neue Wagen der Luxusklasse, die man hier in Kreuzberg gern mit „Investoren“ und „Gentrifizierern“ in Verbindung bringt?

Nicht wirklich, wie ich mich überzeugen konnte. Es waren zwar keine absoluten Schrottmühlen unter den angezündeten Autos, alle waren eher Mittelklassewagen, teils mit Berliner teils mit auswärtigen Kennzeichen, aber es standen durchaus teurere und größere Wagen herum, die nicht angezündet worden waren.
Und wenigstens ein oder zwei der Wagen gehören eher zu der Sorte, mit der türkische oder arabische Jungmänner sich gerne präsentieren – wohl eher nicht die Zielgruppe derer, die man schnell als mögliche Täter ausgemacht hat: autonome Linke.

Über die Motive besteht natürlich noch Unklarheit. Ein politischer Hintergrund wird „nicht ausgeschlossen“, geradezu reflexhaft wird eine mögliche Verbindung zur Teilräumung des linken Wohnprojekts in der Rigaer Straße 94 vor fünf Wochen (22.6.2016) hergestellt, und als Täter werden Mitglieder der autonomen Szene vermutet – zumindest von den Anwohnern hier in der Böckhstraße.

Aber in dieser Hinsicht hat man sich schon mal geirrt – so wurde 2011 ein Mann festgenommen, der mindesten für 102 ausgebrannte Fahrzeuge verantwortlich gewesen war und als Motiv Frustration über seine Arbeitslosigkeit angegeben hatte.

Und auch wenn für die meisten Bewohner im Kiez die Urheber klar in der linken Szene zu suchen sind, sollte man sich mit Beschuldigungen doch bitte zurückhalten und abwarten, was die Ermittlungen der Polizei ergeben…

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