Lesetipp: „Neue Heimat, neue Rolle“

Das Quartiersmanagement Düttmann-Siedlung hat unter dem Titel „Neue Heimat, neue Rolle“ einen lesenswerten Beitrag über die Geschichte des 1975 in Kreuzberg gegründeten Türkischen Frauenvereins e.V. veröffentlicht, der seinen Sitz in der Jahnstraße 3 hat:

„Neue Heimat, neue Rolle“ (Quartiersmanagement Düttmann-Siedlung, Februar 2017)

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Abgefackelt

Der Geruch von Öl und verbranntem Plastik liegt noch in der Luft, Bürgersteig und Fahrbahn sind mit weißem Löschmittel bedeckt – fast erwartet man, dass aus der verkohlten und zerschmolzenen Motorhaube des schwarzen Audi-Mittelklassewagens noch Rauch aufsteigt.

Aber die Löscharbeiten sind seit mehreren Stunden beendet. Dennoch realisieren verwirrte und entsetzte Anwohner erst langsam, was hier passiert ist:
In den frühen Morgenstunden brannten im Bereich Böckhstraße – Planufer – Carl-Herz-Ufer insgesamt sieben Autos – die vermutlich politisch motivierten Brandstiftungen, die die Stadt seit bald zehn Jahren beschäftigen, finden nun auch im bislang ruhigen und gemütlichen Graefe-Kiez statt.

28.7.2016 - Ausgebranntes Auto in der Böckhstraße in Berlin-Kreuzberg

Ein ausgebrannter Audi vor der Böckhstraße 33

Um 4:51 Uhr am heutigen Morgen (28.7.2016), so berichtet der Tagesspiegel unter Berufung auf die Berliner Feuerwehr zunächst, wurden drei brennende Wagen in der Böckhstraße gemeldet, kurz darauf brannte ein weiteres Auto auf dem Parkplatz des Urban-Krankenhauses und noch einige Minuten später zwei Wagen im Carl-Herz-Ufer.

Als erstes hatte die B.Z. berichtet, auch mit ersten Fotos vom Ort des Geschehens, während die übrigen Berliner und überregionalen Medien sich zunächst auf eine entsprechende Agenturmeldung und Archiv-Fotos beschränken.

Etwas später sind dann auch andere Fotografen vor Ort und fotografieren die ausgebrannten Wracks, so die Berliner Morgenpost oder der Tagesspiegel in einem neuen Beitrag, in dem auch die Chronologie detaillierter geschildert wird:

Nach Angaben eines Sprechers [der Feuerwehr] wurden um 4.51 Uhr zwei brennende Autos aus der Böckhstraße 30 gemeldet, fünf Minuten später schlugen Flammen aus drei Wagen aus der Böckhstraße 33. Um 4.59 Uhr brannte ein sechstes Auto auf dem Parkplatz des Urbankrankenhauses an der Dieffenbachstraße. Noch einmal sechs Minuten um 5.05 Uhr wurden Brände an zwei Wagen am Carl-Herz-Ufer gemeldet.

Quelle: Brandserie in den Morgenstunden, Der Tagesspiegel, 28.7.2016, 9:43 Uhr

Ich habe mich gegen 9:00 Uhr selber vor Ort umgesehen und sah, dass in der Böckhstraße, am Planufer und am Carl-Herz-Ufer mehrere Bereiche mit rot-weißem Flatterband abgesperrt waren und jeweils von zwei Polizisten beaufsichtigt wurden. Nicht in jedem abgesperrten Bereich stand ein ausgebranntes Auto, vermutlich wurden also auch Bereiche gesperrt, wo man sonstige Spuren zu finden hoffte bzw. gefunden hatte.

Zwei der Wagen sahen sehr spektakulär aus, das sind auch die, die jetzt in den Pressefotos zu sehen sind – ein schwarzer Audi und ein ebenfalls schwarzer MINI Cooper Countryman, beide in der Böckhstraße zwischen Kottbusser Damm und Graefestraße.

28.7.2016 - Ausgebranntes Auto in der Böckhstraße in Berlin-Kreuzberg

Ausgebrannter MINI Cooper vor der Böckhstraße 41

Mich interessierte auch, was da für Autos ausgesucht worden waren – waren das wirklich nur „Bonzenkarren“, also teure, neue Wagen der Luxusklasse, die man hier in Kreuzberg gern mit „Investoren“ und „Gentrifizierern“ in Verbindung bringt?

Nicht wirklich, wie ich mich überzeugen konnte. Es waren zwar keine absoluten Schrottmühlen unter den angezündeten Autos, alle waren eher Mittelklassewagen, teils mit Berliner teils mit auswärtigen Kennzeichen, aber es standen durchaus teurere und größere Wagen herum, die nicht angezündet worden waren.
Und wenigstens ein oder zwei der Wagen gehören eher zu der Sorte, mit der türkische oder arabische Jungmänner sich gerne präsentieren – wohl eher nicht die Zielgruppe derer, die man schnell als mögliche Täter ausgemacht hat: autonome Linke.

Über die Motive besteht natürlich noch Unklarheit. Ein politischer Hintergrund wird „nicht ausgeschlossen“, geradezu reflexhaft wird eine mögliche Verbindung zur Teilräumung des linken Wohnprojekts in der Rigaer Straße 94 vor fünf Wochen (22.6.2016) hergestellt, und als Täter werden Mitglieder der autonomen Szene vermutet – zumindest von den Anwohnern hier in der Böckhstraße.

Aber in dieser Hinsicht hat man sich schon mal geirrt – so wurde 2011 ein Mann festgenommen, der mindesten für 102 ausgebrannte Fahrzeuge verantwortlich gewesen war und als Motiv Frustration über seine Arbeitslosigkeit angegeben hatte.

Und auch wenn für die meisten Bewohner im Kiez die Urheber klar in der linken Szene zu suchen sind, sollte man sich mit Beschuldigungen doch bitte zurückhalten und abwarten, was die Ermittlungen der Polizei ergeben…

Was andere schreiben: 11 Lieblingsorte im Graefekiez

Sara listet auf finding Berlin ihre 11 Lieblingsplätze (vorwiegend) zum Essen und Trinken im Graefekiez auf. Im Wesentlichen sind es die üblichen Verdächtigen:

  1.  Il Casolare
  2. Le Bon
  3. Umbras Kuriositätenkabinett
  4. Kaffeebar
  5. Hamburger Heaven
  6. Schillerburger
  7. Urbanhafen & Admiralbrücke
  8. fuchsbau
  9. Schlawinchen
  10. Imren Grill
  11. Devil’s Kitchen

Hier geht’s zum (englischen) Artikel: 11 Favorite Places in Gräfekiez

Kiezmitteilungen No. 3

Handgeschriebene oder gedruckte Zettel, in Plastikhüllen, laminiert oder einfach so – Botschaften an Passanten, Raucher, Hundebesitzer, die „lieben“ Nachbarn oder an die Welt an sich. Eine Form der zwischenmenschlichen Kommunikation, die sich an ein breites Publikum wendet, ohne Antwort zu erwarten. Meist sind es erzieherische Hinweise, „Bitten“, den Hund sein Geschäft woanders erledigen zu lassen, das sorgfältig angelegte Blumenbeet auf der Baumscheibe nicht zuzumüllen und Ähnliches.

Manchmal sind es auch Fragen, die keine Antwort erwarten, die aber herausgeschrien werden müssen angesichts der als feindselig und unverständlich empfundenen Welt:

WER BEKLAUT DENN BITTE KINDER???

 

Zettel, auf dem der Diebstahl eines Fahrradhelms beklagt wird

Gesehen in der Grimmstraße, Dezember 2014

Abschrift:

„Wer beklaut denn bitte Kinder???

Unfassbar, aber wahr:
Uns wurden heute morgen (19.10.2014, ca. 10 Uhr) der Kinderfahrradhelm (ABUS Scraper Kid) und die Wickeltasche (schwarzer Rossmannbeutel) vom Kinderwagen geklaut, während wir auf dem Spielplatz waren.

Vielleicht hat jemand etwas gesehen? Im Beutel waren nur Trinkflasche, Keksdose, Mütze, und Schnulli mit der geliebten Namensschnullerkette, die seit Geburt genutzt wird. Also eher ideeler Wert… Aber der Fahrradhelm wird täglich gebraucht!!!

Also PFUI dem Dieb! Und allen Eltern: Augen auf. Ist echt krass, dass man den Kinderwagen nicht mehr unbeaufsichtigt stehen lassen kann.

Vielleicht wird ja auch jemandem der Helm zum Kauf angeboten? Wir nehmen gerne Hinweise per Mail (…@hotmail.de) entgegen.“

 

Ja, wirklich krass, dass man in einer Großstadt nicht mal seine Lieblingssachen unbeaufsichtigt herumstehen oder -liegen lassen kann, ohne dass sich ein schamloser Dieb daran vergreift. Pfui! Und dann noch von Kindern klauen! Unfassbar.


Weitere Kiezmitteilungen

Kiezmitteilungen No. 2

In letzter Zeit fallen mir überall im Kiez Zettel mit Botschaften auf. Diese Zettelwirtschaft ist nichts Neues, aber die Inhalte, die hier transportiert werden, sagen natürlich auch immer etwas über die jeweilige Zeit aus: Was beschäftigt die Bewohner? Worüber ärgern sie sich? Was möchten Sie ihrer Umwelt mitteilen?

Einige dieser Botschaften stellen wir hier in loser Folge vor.

Heute ein Beispiel dafür, wie bestimmte gesellschaftliche Probleme letztendlich am Einzelnen hängenbleiben, der sich damit auseinandersetzen und irgendwie verhalten muss:

BITTE – BITTE – BITTE

Zettel mit der Bitte, die Haustür zu schließen

Gesehen am Kottbusser Damm, November 2014

Abschrift:

„Berlin, 25.11.2014
BITTE – BITTE – BITTE
Heute haben wir
wieder unten im
Keller jemanden
gefunden der Heroin
spritzt!!! Lasst
bitte diese Tür nicht
offen!!!
————————————
Bugün Bodrum katından
Eroin Kullanan birini kovduk
Hepinizin iyiliḡi için şu
kapıyı kapalı tutunuz lütfen!!!
BITTE“

Der Kottbusser Damm und seine Verlängerung Kottbusser Straße  verbinden zwei Drogenschwerpunkte miteinander, das Kottbusser Tor und den Hermannplatz. Im U-Bahnhof Schönleinstraße wird seit Jahren gedealt.

Die Anwohner wissen das, haben sich sicherlich auch ein Stück an diese Parallelwelt vor ihren Augen gewöhnt.

Trotzdem ist es hart, regelmäßig im eigenen Hauseingang, im Hausflur oder im Keller über Menschen zu stolpern, die sich entweder gerade einen Schuss setzen oder dort bewusstlos herumliegen.

Im angrenzenden Graefekiez begegnen die Hausbesitzer derartigen „Bedrohungen“ mittlerweile zunehmend durch aufwändige automatische  Schließanlagen oder die Videoüberwachung von Hauseingängen.
Einerseits verständlich, andererseits wird hierdurch aber auch ein Klima von Misstrauen und Abschottung gefördert.

Angesichts der Hilflosigkeit, mit der derzeit am Beispiel Görlitzer Park mit der Drogenszene im Bezirk umgegangen wird, haben Anwohner wenig Hoffnung auf Hilfe von staatlichen Institutionen.

Da bleibt dann im Einzelfall wohl nur, die Türen geschlossen zu halten.


Weitere Kiezmitteilungen

Kiezmitteilungen No. 1

In letzter Zeit fallen mir überall im Kiez Zettel mit Botschaften auf. Die meisten sind an die „lieben Nachbarn“, die „lieben Hundebesitzer“ oder die „lieben Raucher“ gerichtet. Formuliert sind sie meist als höfliche Bitten, gemeint als Verbote: „Hier nicht hinscheißen (lassen)!“ „Hier nicht rauchen!“ „Tür zu!“ „Finger weg von meinen/unseren Blumen!“

Man redet nicht mehr miteinander, sondern kommuniziert über Zettel. Das hat ein bisschen was von Kinderzimmer („Draußen bleiben!“) oder WG („Putzplan“).

Manche dieser Zettel sind handgeschrieben, die meisten vom Computer ausgedruckt, einige zieren Fotos oder Grafiken, alle stecken als Schutz vor dem Wetter in Plastikhüllen, ganz bedeutsame sind sogar laminiert.

Offensichtlich wird auf die Erstellung viel Zeit und Mühe verwendet; die Botschaften werden also wohl als sehr wichtig für das Wohlbefinden des Zettelnden empfunden.

Verfasst sind sie alle anonym, gerne im Namen einer größeren Gruppe wie „die Nachbarn“ oder „die Anwohner“.

Die Botschaften sollen keinen Dialog beginnen oder fördern, sie sind als Mitteilungen gedacht, als Vorschriften, als Statement.

Einige dieser Botschaften stellen wir in loser Folge hier vor.

Liebe Hundebesitzer! Liebe Raucher!

Hinweisschild für Raucher und Hundebesitzer

Gesehen in der Dieffenbachstraße, November 2014

Abschrift:

„Liebe Hundebesitzer!
Bitte achten Sie darauf, dass Ihre Hunde
ihr Geschäft
nicht auf dem Gehweg erledigen!
Danke im Namen aller Anwohner
—————————————————-
Liebe Raucher!
Bitte den
Aschenbecher benutzen!
Danke“


Weitere Kiezmitteilungen

Kiez-Chronik: Gefährliche Silvesterfeiern

In der Silvesternacht 2012 stürzt eine 29-jährige Frau im Eckhaus Urbanstraße/ Graefestraße in einen Lichtschacht und ist sofort tot. Sie wollte mit Freunden vom Dach das Silvesterfeuerwerk über Kreuzberg bewundern und war wohl über die niedrige Ummauerung gestolpert und in den Schacht gestürzt [1].

Nicht mit dem Tod aber mit schweren Verletzungen endeten zwei Vorfälle, die sich vor fast 90 Jahren im Kiez ereigneten… Weiterlesen